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Was ist möglich beim barrierefreien Wohnen? Eine Musterwohnung zeigt's

 

Dass ab einem gewissen Alter vieles einfach nicht mehr geht, und wir auf Hilfe angewiesen sein werden, damit rechnen wir. Gleichzeitig wollen die meisten von uns möglichst lange selbstbestimmt und bequem in den eigenen vier Wänden wohnen; genau wie alle, die schon früher körperliche Beeinträchtigungen erfahren, auf einen Rollstuhl oder andere Hilfsmittel angewiesen sind. Doch nur ein Bruchteil der Häuser und Wohnungen ist auch tatsächlich alters- und behindertengerecht gestaltet. Wunsch und Wirklichkeit klaffen da auseinander.

In Deutschland leben gut 9,5 Millionen Menschen mit Behinderungen. Und nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2030 etwa 22 Millionen Bürger älter als 65 Jahre sein. Da kommt das Musterquartier in der Meeraner Straße 7 in Berlin-Marzahn gerade recht. Eröffnet im Winter 2014 durch den Sanitärhausbetreiber OTB ist das Gemeinschaftsprojekt aus Wissenschaft, Industrie und Design für jedermann zugänglich. Auf 140 Quadratmetern zeigen mehr als 40 Unternehmen, wie selbstbestimmtes und sicheres Leben trotz körperlicher und gesundheitlicher Einschränkungen möglich ist. Und zwar in einem schönen Ambiente! Beteiligt am Innenausbau waren die Experten von AAB Die Raumkultur. Seit 16 Jahren in der Gestaltung von Innenräumen tätig, haben sie vor eineinhalb Jahren begonnen, sich mit barrierefreiem Wohnen zu beschäftigen. „Wir wollen Wohnräume konzipieren, die heute von Menschen mit Einschränkungen, morgen von Menschen über 60 und übermorgen von jungen Familien genutzt werden“, so Geschäftsführer Sebastian Busch. Denn die Zukunft ist bereits da!

AAL, Ambient Assisted Living – also barrierefreies und altersgerechtes Wohnen – gibt es schon eine Weile. Es handelt sich dabei um einen Markt, der seit längerem mehr Aufmerksamkeit bekommt und seine Grenzen noch längst nicht erfahren hat. Was einzigartig an der Musterwohnung der OTB ist: sie fasst quasi alles, was bislang entwickelt wurde, auf 140 Quadratmetern zusammen. Dabei mutet die Wohnung nicht wie die Ausstellung eines Möbelhauses an, sondern kommt wie ein richtiges Zuhause daher – modern und stilbewusst eingerichtet.

„Barrierefrei zu wohnen, soll nicht heißen, dass man dabei auf ein schönes Umfeld verzichten muss“, so Busch. Die meisten der über 80 Assistenzsysteme innerhalb der Wohnung sind geschickt getarnt. Etwa der Generalschalter im Flur, der wie ein simpler Lichtschalter aussieht, dabei aber alle wichtigen Geräte an- und ausschaltet: Herd, Bügeleisen oder Lichter werden beim Verlassen der Wohnung abgestellt – der Kühlschrank läuft natürlich weiter. Gleichzeitig werden die täglichen Verbräuche überwacht. Sollte das intelligente System Abweichungen zum Standard bemerken – etwa einen geringeren Wasserverbrauch oder weniger Bewegung – wird eine Meldung an Angehörige oder die Pflegezentrale verschickt.

Sogar wann das letzte Mal gelüftet wurde, merkt sich das Smart-Home-System. „Dinge, die nicht nur im Alter oder durch eine plötzlich eingetretene Behinderung hilfreich sein können“, so Busch. „Das Ziel ist, jetzt schon an morgen zu denken. Denn vorausschauende Planung beim Wohnen sorgt durchgängig für hohe Lebensqualität.“

Alters- und behindertengerechte Möbel, technische Komponenten und andere Features können nicht nur in Neubauten integriert werden. „Beinahe alle Systeme lassen sich auch in Bestandsimmobilien einsetzen“, so Busch. Wie etwa der steuerbare Sessel, der einen sanft aus dem Sitz hebt oder die Beine entspannt beim Fernsehen ausstreckt. Er bewegt sich dabei auffällig langsam. Aus einfachem Grund: damit auch der Kreislauf das Aufstehen mitmacht.

Man sieht es nicht, aber der Fußboden besteht nicht aus echtem Holz: Die besonders robusten PVC-Fliesen von Armstrong gibt es in Holz- oder Steinoptik; sie sind rutschfest und pflegeleicht.

Auch ein lernendes Heizungssystem überzeugt: Über Sensoren merkt es sich, wann welcher Raum wie oft betreten wird. Das spart Energie und lässt die Wohnung nur dort warm werden, wo man es wirklich braucht.

Eine derart aufgerüstete Wohnung gibt immer Unterstützung, wenn man sie braucht. Sie „ermündigt“, statt zu entmündigen – bis ins kleinste Detail. Eine dezente LED-Lichtleiste etwa verläuft knapp über dem Fußboden und geht nachts an, wenn jemand aus dem Bett steigt. „Gerade für ältere Leute kann das lebensrettend sein. Viele Unfälle mit Todesfolge ereignen sich durch Stürze in der eigenen Wohnung. So eine Lichtleiste weist den Weg und nimmt die Angst vor der Dunkelheit“, so Busch. Aber auch weitere kleine Details, wie nachgebende Steckdosen von Busch-Jäger, verhindern Stolperunfälle durch Kabel oder erleichtern etliche Handgriffe.

Extrabreite Türen mit unterstützender Öffnungsfunktion gibt es genauso, wie solche, die sich dank Sensorik von alleine öffnen und schließen. „Wir präsentieren hier sogar Haustüren, die man ganz ohne Schlüssel entriegeln kann“, so Busch. Wie das funktioniert? „Mit einem Transponder, den man in der Hand- oder Hosentasche mit sich trägt.“

Aber nicht nur Türen können in der Musterwohnung leichter geöffnet werden. Das Bett im Schlafzimmer kann man per Fernbedienung so drehen, dass ein geschwächter Körper ohne Eigenanstrengung in eine aufrechte Position gebracht wird. Deckenmontierte Hebeschienen von Guldmann geben zusätzlich Halt. „Bis zu 200 Kilogramm können damit gestützt werden“, so Busch.

 Wasserdichte Bettwäsche aus Naturfaser von Bedding Industrial Begudà oder eine Sensoren-Fußmatte vor dem Bett von Russka, die beim Betreten akustische Signale ans Pflegepersonal aussendet, sind nur weitere der Features.

Und dort, wo man nicht mehr oder nur schwer hinkommt, geht die Technik auf einen zu. Absenkbare Gardinenstangen erleichtern zum Beispiel das Abnehmen der Vorhänge und ein elektrischer Kleiderlift ermöglicht das Erreichen der Kleidung ohne fremde Hilfe. „Auch das kann Ihnen schon jetzt im noch mobilen Alter Freude bereiten. Oft hängen Stangen zu hoch – dank des Kleiderlifts muss man sich erst gar nicht verrenken und waghalsige Klettereien unternehmen“, so Busch. „Auch diese Funktion können Sie nachträglich einbauen. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein Stromanschluss in der Nähe, um den kleinen Motor zu betätigen.“ Auch das funktioniert per Fernbedienung.

In der Küche werden absenkbare Einbauten präsentiert. So können die Oberschränke zum Beispiel für einen Rollstuhlfahrer heruntergefahren werden – genauso wie Herd oder Arbeitsplatte, die sich per Knopfdruck auf andere Höhen verstellen lassen. „Mit dieser Funktion können nicht beeinträchtige Familienmitglieder die Küche ebenso gut nutzen“, so Busch.

Der intelligente Herd von Casenio überwacht das Kochfeld, um mögliche Brandgefahren zu vermeiden. Außerdem überprüft ein integrierter Bewegungsmelder, ob die Person sich auch noch am Herd befindet. Ist dies lange nicht der Fall, wird auch hier automatisch eine Notfall-Nachricht abgesendet. „Aber natürlich kann man den Herd auch so einstellen, dass beispielsweise das Köcheln einer Suppe nicht einfach stoppt, nur weil man den Kochplatz für einige Zeit verlässt“, so Busch.

Auch in der Küche zeigen kleine Details, dass alters- und behindertengerechtes Wohnen simpel ermöglicht werden kann. Eine erhöht eingebaute Spülmaschine oder ein Backofen, der sich seitlich öffnen lässt (und dessen heiße Tür damit nicht auf dem Schoß des Rollstuhlfahrers landet), sind einfache Alltagshelfer.

Selbst das barrierefreie Badezimmer ist alles andere als hässlich. „Das Vorurteil haben viele leider noch im Kopf, wenn es um alters- oder behindertengerechtes Wohnen geht“, so Busch.

Neben einer bodengleichen Dusche, die mit rutschfesten Fliesen und Haltegriffen ausgekleidet wurde und einem hygienischen Klappsitz in der Dusche (von Erlau) ist das Bad auch mit einer schönen, funktionalen Wanne von Artweger ausgestattet. Die hat nicht nur einen fast bodenebenen Zugang, sondern auch einen Hebesitz, der den Badenden ins Wasser hineinfährt oder wieder heraus. „Den Sitz kann man auch erst nachträglich einbauen und die Wanne vorher ganz normal nutzen. Bis dahin ist der tiefe Einstieg ein optisches Highlight, das Schaumbäder zum echten Blickfang macht.“

Auch im Bad kann man natürlich Sensoren einbauen, die Pflegedienstleistern oder der Familie ungewöhnliche Vorgänge melden.

„Natürlich ist alles, was barrierefreies Wohnen betrifft, im Prozess. Vieles, was sich gerade noch in der Entwicklung befindet, wird später selbstverständlich sein“, so Busch.

Funktionen und Techniken, die mit Sicherheit auch ihren Preis haben. Eine Beispielrechnung macht Busch nicht auf – währen die Musterwohnung ein Best of der Lösungen für barrierefreies Wohnen zeigt, sind die dann privat umgesetzten Bestandteile sehr individuell: „Natürlich muss jeder für sich schauen, was praktisch ist und was das Leben erleichtert.“

Aber mit Investitionen in einem Umfang von 4000 bis 10 000 Euro könne man schon eine Erleichterung verspüren. „Für die meisten ist das viel Geld. Im Vergleich zu den Tagespauschalen einer Pflegestelle oder eines Altersheims müssen Sie aber unterm Strich beim Bau oder Umbau deutlich weniger Geld in die Hand nehmen“, so Busch.
Der Staat bezuschusst solche Einbauten je nach Pflegestufe. Altersgerechte Umbaumaßnahmen können außerdem von dem Programm „KfW Altersgerecht Umbauen“ (KfW 159) gefördert werden.

Die „Ermündigungswohnung“ ist für all die gedacht, die jetzt Hilfe benötigen. Aber eben auch für diejenigen, die sich heute – etwa beim Neubeu oder im Zuge einer Sanierung – schon Gedanken über Morgen machen (und das sollten wir alle!). Sie ist wie ein Schaufensterbummel für barrierefreies Wohnen.

Die Wohnung zeigt, was möglich ist und stärkt das Bewusstsein fürs Wohnen mit körperlichen Einschränkungen. Und sie ist am Ende eine Wohnung, die man mit dem Gefühl verlässt, nicht so viel Angst vorm Älterwerden haben zu müssen.

 

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